Einführung

“Lebe, als würdest du sterben, lerne, als würdest du ewig leben“ (Mahatma Gandhi)

Als künftige:r Physiotherapeut:in haben Sie einen spannenden, erfüllenden und herausfordernden Beruf gewählt. Die Herausforderung kommt nicht zuletzt daher, dass sich unser Beruf stetig wandelt. Die Zahl der Menschen mit chronischen Erkrankungen nimmt stetig zu. Die Gesundheitskosten in der Schweiz steigen und steigen, die Tarife der Physiotherapie stehen unter Druck. Es wäre fahrlässig, als Physiotherapeut:in diese Tatsachen zu ignorieren und ausschliesslich auf altbewährte Methoden und Traditionen zu setzen. Bleiben wir also am Ball!

In einer Zeit, in der sich das medizinische Wissen rasant weiterentwickelt, ist es für Physiotherapeut:innen unerlässlich, wissenschaftlich fundiert zu arbeiten und kritisch zu denken. Nur so können wir sicherstellen, dass unsere Behandlungen auf dem neuesten Stand der Forschung sowie kosteneffektiv sind und Patient:innen die bestmögliche Versorgung erhalten.

Important

Als Physiotherapeut:in tun Sie im Grunde nichts anderes, als fortlaufend Daten zu erheben, zu intervenieren, erneut Daten zu erfassen und diese schliesslich zu analysieren – mit dem Ziel, daraus zu lernen. Richtig: Physiotherapie ist eine Wissenschaft für sich 🤓 Es geht darum, durch systematische Beobachtung und Dokumentation Daten zu generieren und durch deren Analyse neue Erkenntnisse zu gewinnen – sowohl in der praktischen Arbeit als auch in der Forschung. Denken Sie also keinesfalls, dass Praxis und Wissenschaft voneinander zu trennen sind – im Gegenteil: Sie gehören untrennbar zusammen. Der grösste Unterschied: in der Praxis analysieren Sie meistens Daten von einer Person, während in wissenschaftlichen Studien mehrere Personen zusammen analysiert werden. Für den Moment können Sie wissenschaftliche Studien einfach als Datenquelle betrachten.

Evidenzbasiertes Arbeiten bedeutet, Entscheidungen nicht ausschliesslich auf Erfahrung und Tradition zu stützen, sondern solide wissenschaftliche Erkenntnisse in den klinischen Entscheidungsprozess miteinzubeziehen. Es ermöglicht uns, die Wirksamkeit unserer Massnahmen zu überprüfen, therapeutische Ansätze zu hinterfragen und innovative Behandlungsformen zu entwickeln. Gleichzeitig schützt uns kritisches Denken davor, unreflektiert Trends zu folgen oder fragwürdige Therapieansätze zu übernehmen.

Wer als Therapeut:in wissenschaftlich arbeitet, übernimmt Verantwortung – für sich selbst, für die Patient:innen, für die Weiterentwicklung unseres wertvollen Berufs und für die Gesellschaft. Wissenschaft und Praxis sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Dieses Skript wird Ihnen helfen, diese Verbindung zu verstehen und Praxis mit Wissenschaft erfolgreich zu verbinden.

Der motivierende Spruch von Mahatma Gandhi über das Lernen ermutigt dazu, kontinuierlich nach Wissen zu streben und sich persönlich weiterzuentwickeln. Also Daten sammeln, analysieren daraus lernen. Wir werden Sie im Verlaufe der wissenschaftlichen Module gelegentlich an diesen Spruch erinnern 😉.

Liebe Daten - bitte sagt mir die Wahrheit

Um das kritische Denken in Ihnen zu wecken, beginnen wir mit einigen Illustrationen von Daten. Die Abbildungen zeigen jeweils Daten, welche belegen sollen, dass die Physiotherapie einen positiven Effekt auf Rückenschmerzen hat. Betrachten Sie die Abbildungen kritisch und überlegen Sie sich, ob die Daten genug Evidenz (= wissenschaftliche Belege) für die Aussage liefern, dass Physiotherapie die Rückenschmerzen reduziert hat.

Abbildung 1: Therapieverlauf einer Patientin mit Rückenschmerzen

In Abbildung 1 sehen Sie den Verlauf einer Patienten über neun Physiotherapiesitzungen. Kritisch zu hinterfragen ist einerseits die Tatsache, dass hier nur eine Person abgebildet ist. Wie der Verlauf bei einer weiteren Patientin aussehen würde, kann anhand der Daten nicht abgeschätzt werden. Eine weitere wichtige Frage bleibt offen: Wie würde der Verlauf ohne Physiotherapie aussehen?

Abbildung 2: Therapieverläufe von 30 Patient:innen mit Rückenschmerzen

In Abbildung 2 sehen wir, dass alle 30 Patient:innen ungefähr ähnlich reagieren. Es ist demnach wahrscheinlich, dass der Verlauf weiterer Personen ähnlich sein wird. Was wir aber immer noch nicht wissen: wie verhalten sich die Verläufe ohne Physiotherapie?

Abbildung 3: Schmerz mit und ohne Physiotherapie drei Wochen nach dem Ereignis
Tabelle 1: Durchschnittliches Schmerzlevel (0-10) nach drei Wochen mit und ohne Physiotherapie
Gruppe Mittelwert
Keine PT 4.46
PT 2.86

In Abbildung 3 und auch in Tabelle 1 sehen wir, dass der Schmerz drei Wochen nach Ereignis (Beginn der Rückenschmerzen) in der Gruppe mit Physiotherapie tiefer ist als in jener ohne Physiotherapie. Was wir aber nicht wissen: Waren die Gruppen bei Beginn vergleichbar oder waren diejenigen in der Gruppe mit Physiotherapie schon da tiefer? Die Daten liefern also noch immer nicht genug Evidenz um behaupten zu können, Physiotherapie ist besser als keine Physiotherapie 😢.

Abbildung 4: Verlaufskurven von Personen mit Rückenschmerzen mit und ohne Physiotherapie

In Abbildung 4 sehen wir die Verlaufskurven von jeweils 12 Patient:innen mit und 12 Patient:innen ohne Physiotherapie. Wir sehen, dass die Gruppen zu Beginn vergleichbar waren (bzgl. des Schmerzlevels!) und dass die Schmerzabnahme in der Gruppe mit Physiotherapie etwas grösser war als in jener ohne:

Tabelle 2: Mittelwerte der beiden Gruppen vor und nach Abschluss der Therapie
Gruppe Session Mittelwert_SZ
keine PT 1 6.15
keine PT 9 3.01
PT 1 6.69
PT 9 1.72

Was wir aber immer noch nicht wissen: Ist die Differenz wirklich auf die Physiotherapie zurückzuführen oder sind die Resultate möglicherweise verzerrt (z.B. wegen eines Placebo-Effektes oder weil die Personen in der PT-Gruppe viel jünger waren)?

Fazit

Kritisches Denken lohnt sich! Was auf den ersten Blick eindeutig erscheint, kann bei näherer Betrachtung mit ein paar kritischen Gedanken schnell obsolet sein. Durch die wissenschaftlichen Module in ihrem Studium möchten wir erreichen, dass Sie kritische, wissenschaftlich denkende Physiotherapeut:innen werden! Positiver Nebeneffekt: Das hat auch sonst im Leben ganz nette Auswirkungen.

PS: Was Sie hier gesehen haben, sind die Ergebnisse verschiedener Studiendesigns. In diesem Kurs werden Sie sich später intensiver mit Studiendesigns und den damit verbundenen Aussagen beschäftigen.